Der Islam (grundsätzliches)
Januar 30th, 2007 by Felix Hardmood BeckFolgender Text ist (teilweise gekürzt) aus folgender Webseite entnommen
und von mir mit Anmerkungen, Grafiken, Bildern und Querverweisen versehen worden:
Grafikquelle: Wikipedia / höhere Auflösung
In 13 Staaten der Welt ist der Islam heute Staatsreligion, in 25 Staaten haben die Muslime die Mehrheit der Bevölkerung und in weiteren 20 Staaten mehr als 10 Prozent Bevölkerungsanteil. Insgesamt bekennen sich etwa 1,3 Milliarden Menschen zu Allah und zum Koran und folgen den Weisungen des Propheten Muhammad. Damit ist sie hinter dem Christentum (2 Milliarden) die zweitgrößte der Weltreligionen und momentan die expansivste (vgl. S74, Der Islam von Gottfried Hierzenberger). In Deutschland leben gut 3 Millionen Muslime, 80 Prozent von ihnen stammen aus der Türkei. 310.000 Muslime sollen einen deutschen Pass haben. Die Zahlenangaben über deutsche Muslime schwanken zwischen 11.000 und 100.000. In Stuttgart leben allein ca 40.000 Muslime. Die türkischstämmige Jugend verliert zunehmend den Kontakt mit der Herkunftskultur, Korankurse werden von nur 7 Prozent besucht. In Deutschland sind 66 klassische Moscheen eröffnet worden. Dazu kommen 2.200 Gebetshäuser bzw -räume (Zahlenangaben gelten zu überprüfen und evtl zu aktualisieren / Link: Suchfunktion für Moscheen in Deutschland).
Der Islam als Religion geht auf Mohammed (570 bis 632 n.Chr.) zurück, der 610 n.Chr. in der Wüste bei Mekka eine Berufung zum Propheten erlebte. Weitere Offenbarungen folgten und wurden später niedergeschrieben, nämlich die Suren des Koran. Mohammed wurde vom Judentum, daneben auch von Christen geprägt, denen er auf Reisen als Händler begegnete. Er lehrte ursprünglich einen strengen Monotheismus: Es gibt nur einen Gott, Allah. Er selbst, Mohammed, wurde als “Warner” gesandt, er hat dazu das Prophetenamt inne. Er kündigte das göttliche Gericht und die Totenauferstehung an. Daraus folgte die Mahnung, ein vor Gott richtiges Leben zu führen, Maßstäbe Mohammeds waren Gerechtigkeit, Ehrlichkeit und Milde.
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Die Kaaba nach dem Freitagsgebet. Bildquelle: Wikipedia / Bild vergrößern
Der Prophet erlebte in Mekka entschiedene Gegnerschaft. Daher kam es 622 n.Chr. zur Hedschra, zur Auswanderung in die 300 km entfernte Stadt Medina. Damit beginnt die am Mondjahr orientierte islamischen Zeitrechnung. In Medina stieg Mohammed zum Herrscher auf. Er sah sich vor der Aufgabe, die verfeindeten Araberstämme zu einer Gemeinde (Umma) zusammenzuschließen. Aufgrund von Auseinandersetzungen mit dem Judentum, das Mohammed nicht als Propheten anerkannte, wurden die starken jüdischen Gemeinden vertrieben oder vernichtet. Mohammed wandte sich vom Judentum ab, es kam zur Ausbildung des Islam als eigener Religion. Nach jahrelangen Kriegen folgte 630 n.Chr. die Eroberung Mekkas und die Einigung der Araberstämme.
Durch Mohammeds Tätigkeit in Medina entstand im Islam eine enge Verbindung von Geistlichem und Weltlichem, von Religion, Staat und Gesellschaft. Mohammed gilt als “Siegel der Propheten” und der Islam als abschließende Offenbarung für alle Völker. Mohammed starb 632 n.Chr. in Medina. Seine Nachfolge als religiöser und politischer Führer, aber nicht als Prophet, wurde durch das Kalifenamt (Khalifa bedeutet Stellvertreter) geregelt. In der Nachfolgefrage trennte sich der Islam jedoch in Sunniten, für die das Kalifat an Tradition und Lehre orientiert ist, und in Schiiten, für die es an die Blutsverwandtschaft mit dem Propheten gebunden bleibt. 1924 wurde das Kalifat unter Kemal Atatürk (Begründer der modernen Türkei) abgeschafft. Der Islam ist seitdem ohne zentrale Autorität.
Folgende Unterschiede zum Judentum und Christentum machten den Islam zur eigenständigen Religion:
Im Zentrum islamischer Theologie steht die Einheit und Einzigkeit Allahs. Die Lehre von der Dreieinigkeit und Jesu Gottessohnschaft werden abgelehnt. Allahs Wesen wird von seiner absoluten Erhabenheit und Majestät bestimmt. Das Gottesbild orientiert sich am unumschränkt herrschenden, aber auch gnädigen Monarchen, nicht an dem des Vaters. Allah ist auch Schöpfer, wie im Alten Testament schafft er die Welt aus dem Nichts. Durch die Auferstehung der Toten wird der Mensch eine Neuschaffung erleben.
Allahs Allmacht führt zu einer souveränen Vorherbestimmung sowohl des menschlichen Schicksals als auch des menschlichen Heils oder Unheils. Die richtige Haltung des Menschen gegenüber Allah ist die Ergebung in seinen Willen: aktiv durch Gehorsam und Unterwerfung, passiv durch Hinnahme des eigenen Schicksals und durch Hingabe. Islam bedeutet wörtlich Ergebung.
Gott offenbart sich dem Menschen abschließend im Koran (=Lesung, Rezitation). Seine 114 Suren sind “Bilder” oder Abschnitte. Vor Mohammed sandte Allah jedem Volk der Erde seinen eigenen Boten. Daher gab es vor ihm schon 124.000 Propheten. Der Koran bringt die zusammenfassende, unverfälschte Offenbarung Allahs. Er ist in jedem Wort Allahs Offenbarung, im Himmel aufgezeichnet und Mohammed zur Weitergabe mitgeteilt. Die Sunna (Tradition, Überlieferung) ergänzt den Koran durch weitere Aussprüche Mohammeds und durch Erzählungen. Am Jüngsten Tag findet eine allgemeine Totenauferweckung statt. Allah hält Gericht über die Menschen aufgrund ihrer Werke, die er auf seiner Waage bewertet. Er bestimmt jeden Menschen zu Himmel oder Hölle. Diese Orte der Ewigkeit werden im Islam recht irdisch gedacht, das Paradies als Fortsetzung der Wonnen des Lebens, die Hölle als Ort der Qual.
Die islamische Frömmigkeit: rechtgeleitete Selbstauslieferung
Für die islamische Frömmigkeit steht der Gedanke an den Gehorsam gegen Gottes Willen, und der Gedanke an Gottes Gericht im Mittelpunkt des Lebens. Sünde ist eine Unvollkommenheit, die überwunden werden kann. Der Mensch muss und kann durch Erfüllung des Gotteswillens sein Heil schaffen. Dabei gilt es als größte Sünde, wenn Menschen sich auf etwas anderes als auf Gott verlassen. Allah vergibt großzügig dem, der bereut. Er hat dem Menschen im Koran die Kenntnis seiner heilsamen Lebensordnung gegeben, aber auch die Weisungen, die er braucht, um das Leben nach Gottes Willen zu gestalten. Darin besteht Gottes Erbarmen, dass er den Menschen diese “Rechtleitung” offenbarte.
Die fünf Säulen der islamischen Frömmigkeit:
Das Glaubensbekenntnis “Es ist kein Gott außer Allah, und Mohammed ist der Gesandte Allahs”. Es ist zugleich Übertrittsformel zum Islam.
Das Pflichtgebet in Richtung Mekka, das fünfmal täglich vorgeschrieben ist (vor Sonnenaufgang; Mittag; Nachmittag; nach Sonnenuntergang; bei Einbruch der Nacht). Unter bestimmten Bedingungen kommt die Waschung dazu, nämlich an einem reinen Ort (in der Moschee, auf einem Gebetsteppich). Das Freitagmittaggebet bildet den Wochengottesdienst in der Moschee. Es gilt Teilnahmepflicht; sonst ist aber keine Arbeitsruhe vorgeschrieben.
Die Armensteuer ist einmal jährlich je nach dem Einkommen zu entrichten.
Das Fasten im Monat Ramadan wird von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang eingehalten, keinerlei Speise und Trank und keine sexuellen Handlungen sind erlaubt. Im übrigen sind Alkohol und Schweinefleisch immer verboten.
Die Wallfahrt nach Mekka soll nach Möglichkeit einmal im Leben stattfinden (siehe auch Blogeintrag vom 24.Januar 2007).
Am Ende des Ramadan wird das Fest des Fastenbrechens (türkisch: Zuckerfest) gefeiert. Wichtig ist auch das Opferfest am Ende der Wallfahrtszeit, zu dem Opfertiere geschlachtet werden und das Fleisch verteilt wird. Familienfeste finden anlässlich von Namensgebung, Beschneidung und Eheschließung statt.
Zur Vertiefung der islamischen Frömmigkeit über die Bereiche von Theologie und Recht hinaus trägt die islamische Mystik bei, vor allem in Gestalt des Sufismus. Sie entwickelte Wege der Gottesliebe, des ständigen Gottesgedenkens (dhikr) und der mystischen Erfahrung, die im persönlichen Verhältnis zwischen Meister und Schüler weitergegeben wurden und zur Gründung mystischer Orden (tariqa) führten.
Islamisches Recht: die Scharia
Der Islam ist eine alle Lebensbereiche ordnende, gemeinschaftliche und öffentliche Religion, wie man am rituellen Gebet, an der Beachtung des Ramadan in islamischen Ländern und am Freitagsgebet in der Moschee erkennen kann. Dieses Verständnis von Religion prägt auch die Rolle des Rechts im Islam. Ohne die öffentliche Geltung des religiösen Gesetzes kann nämlich der Islam, zumindest im traditionellen Verständnis, nicht voll verwirklicht werden. Dies macht eine der Schwierigkeiten für Muslime in der Diaspora aus, etwa in der Bundesrepublik Deutschland.
Das islamische Gesetz, die Scharia, behandelt auf der Grundlage von Koran, Sunna und bestimmten Auslegungsregeln ausführlich das Ehe- und Familienrecht, das Erbrecht sowie rituelle (Speisegebote und Schlachtungsvorschriften) und kultische Fragen. Dazu kommt, auch heute noch in bestimmten islamischen Staaten, das Strafrecht einschließlich körperlicher Strafen. Innerhalb des sunnitischen Islam haben sich vier unterschiedliche Rechtsschulen (Hannafiten) entwickelt; in der Türkei herrscht die hanafitische vor. Der schiitische Islam besitzt eine eigene Rechtstradition. Kontroversen entzünden sich vor allem an der Anwendung der Scharia auf Nichtmuslime in islamisch dominierten Staaten. Islamische Rechtsgelehrte können über Einzelfragen Rechtsgutachten (fatwa) anfertigen.
Strömungen des Islam
Im Islam gibt es Auseinandersetzungen über den Umgang mit der modernen westlichen Welt, über das Verhältnis der muslimischen Traditionen zueinander usw. Man kann schematisch traditionalistische, reformistische, modernistische und islamistische (fundamentalistische) Strömungen unterscheiden. Die Grenzen sind allerdings fließend. Traditionalisten in weiterem Sinn sind heute noch die Mehrheit aller Muslime. Sie leben im Strom ihrer Tradition, wie sie sich in ihren Ländern und sozialen Schichten geschichtlich ausprägte. Reformisten gehören dagegen zu einer Bewegung (“Islah”, Reform), die sich als Reaktion auf den westlichen Kolonialismus ausbreitete und den Islam von (aus ihrer Sicht) nichtislamischen Einflüssen (z.B. Heiligenkult und Verehrung von Gräbern / Anmerkung passend zum Thema Pilgerreise: Gottfried Herzenberger schreibt dazu in seinem Buch “Der Islam” (erschienen beim Marix-Verlag, Wiesbaden, 2006) folgendes (S.136 f.): ” (…) zur Verehrung (der Verstorbenen) wurden mit kleinen Kuppeln überwölbte Grabmäler gebaut, (…) dessen heilbringende Segenskraft mananlässlich eines >Besuchs< von ihm erbittet. (...) Obwohl man solche Wallfahrten zu Grabmälern von Heiligen klar von der >Hadsch< unterschied, waren strenge Glaubenswächter diesem >Personenkult< gegenüber doch oftmals misstrauisch und bekämpften ihn im Sinne der Scharìa als >Schirk< (=Götzendienst)") befreien wollte. Die Modernisten versuchen die Quellentexte der Religion, vor allem Koran und “Hadith”, mit heutigen Augen zu lesen, um sie so zu verstehen, dass sie für die heutige Zeit und Gesellschaft relevant werden. Sie versuchen die Tradition zu revidieren, ohne die Grundlehren des Islam zu verlassen. Islamisten (oder “Fundamentalisten”) formen ihre Religion zu einer Ideologie um. Sie streben politische Macht an und wollen den Islam von der Übermacht fremder Weltanschauungen und nichtislamischer Gemeinschaften befreien. “Den Islam” freilich setzen die Islamisten mit dem Religionsgesetz (“Scharia”) gleich, das im neunten und zehnten Jahrhundert von angesehenen Gottesgelehrten jener Epoche aufgrund der Quellenschriften ausgearbeitet wurde. Diese Gesetze wollen sie möglichst unrevidiert im heutigen Staatsleben zur Geltung bringen. Das extremste Beispiel dafür bildet die Bewegung der Taliban in Afghanistan. Politisch motivierte Gewalt und Terror, wie wir ihn in den USA erlebt haben, gehen meist – wenn nicht immer – von radikalen islamistischen Gruppen aus.
(…)
Weiterführende Quellen:
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Juli 16th, 2007 at 02:37
[...] Der Koran, der als das von Mohammed empfangene Wort Gottes angesehen wird, steht im Zentrum des Islam (vgl. Blogeintrag vom 30.Januar 2007) und hat eine ähnliche Bedeutung wie die Thora für die Juden (vgl. Blogeintrag vom 31. Januar 2007). Zur traditionellen Erziehung gehört das Auswendiglernen von Textpassagen, die auch beim täglichen Gebet rezitiert werden. Gleichzeitig bildet der Koran für die Muslime eine der beiden Hauptquellen des islamischen Rechtes (die andere ist bei den Sunniten< seit 950 n. chr.> die Sunna des Propheten, während bei den Schiiten die Urteile der Imame eine zusätzliche Rechtsquelle darstellen). Ohne die ihn begleitende Tradition der Auslegung wäre vieles im Koran unverständlich. Sogar die Ansicht, er enthalte eine Reihe von Offenbarungen an Mohammed, stützt sich auf die Überlieferung, denn im Koran selbst wird dieser Lehrsatz nicht explizit ausgesprochen. [...]