Zur Legende des Jakobsweges
Februar 25th, 2007 by Felix Hardmood BeckFolgender Text ist der Webseite www.kath.de entnommen und ist als ZIP-Datei im Textformat über folgenden Link downloadbar: Originalquelle hier klicken. Der Text ist gekürzt und mit Querverweisen und Anmerkungen versehen.
“Legenden sind zuweilen einflußreicher als die Geschichte” (Bottineau ?). Im Motivationsgeflecht der Santiago-Pilgerfahrt verbinden sich Realität und Fiktion, historische Konstellationen und Imagination zu einem wirkmächtigen Ganzen. Die historische Forschung hat sich äußerst intensiv mit dem Gehalt der in der Einleitung kurz skizzierten Legende um den Apostel und sein Grab befaßt. Vor allem vier Problemkreise werden diskutiert:
a) Die Predigttätigkeit des Apostels Jakobus in Spanien:
Eine spanische Missionstätigkeit des hl.Jakobus läßt sich aus der Bibel oder altchristlichen Zeugnissen nicht belegen. Erste Hinweise finden sich im “Breviarium Apostolorum” (ca. Ende 6.Jh.), das seit dem 7. Jahrhundert besonders in Gallien verbreitet war. Es bestehen wahrscheinlich Verbindungen zu griechisch-byzantinischen Apostelkatalogen. Besondere Bedeutung vor allem wegen seiner Entstehung im kirchenpolitischen Streit um den Adoptianismus erlangten dann der Apokalypsekommentar des asturischen Abts Beatus von Liébana (+798), der eine Missionstätigkeit des Apostels in Spanien erwähnt, und der dem Beatus zugeschriebene Hymnus “O Dei Verbum”. Noch im 10. Jahrhundert wurde die Legende jedoch noch nicht allgemein akzeptiert. Erst seit dem 11. Jahrhundert gewinnt sie weite Akzeptanz, im 12. Jahrhundert sind dann alle wesentlichen Merkmale voll ausgebildet. Erst seit dem 16. Jahrhundert kommt wieder Kritik auf.
b) Die Überführung des Leichnams nach Spanien:
Für eine Überführung gibt es keine altchristlichen Zeugnisse. Eine “Passio magna” zum Martyrium des Apostels basiert auf Texten des 6. Jahrhunderts und ist in Spanien seit dem 7. Jahrhundert bekannt. Erst seit diesen Texten zum Tod des Apostels finden sich Hinweise auf eine Überführung. Einzelheiten des ausführlichen Überführungsberichts der Legende sind erst im 10./11. Jahrhundert Allgemeingut geworden. Dies steht wohl im Kontext der “Grabentdeckung”, um das Kommen des Apostelleichnams nach Spanien zu erklären.
c) Die Grabentdeckung im 9. Jahrhundert:
Gesicherte schriftliche Quellen zur Grabentdeckungslegende stammen aus dem 11. Jahrhundert. Datiert wird die Entdeckung auf das Jahr 813 unter Bischof Theodomir. Seit dem 9. Jahrhundert gibt es einen zunächst lokalen, dann regionalen Jakobuskult. Grabungen ergaben ein römisches Mausoleum aus dem 1./2. Jahrhundert, das bis ins 5. Jahrhundert als Grabstätte gedient hat und Spuren frühchristlicher Begräbnisriten aufweist. Es ist durchaus wahrscheinlich, daß im 9. Jahrhundert zur Zeit Theodomirs ein Grab aus christlicher Frühzeit gefunden und als Grab des Apostels angesehen wurde.
d) Gründe für die Entwicklung des Jakobuskultes:
Die Frage nach der Kultentstehung ist nicht vollkommen schlüssig zu beantworten. Geht man davon aus, daß die Kunde von einer Missionstätigkeit des Apostels im 9. Jahrhundert dazu geführt hat, bei Compostela nach dem in den Traditionen erwähnten Marmorgrab zu suchen, ein Grab entdeckt und die Knochenreste mit dem Apostelleichnam gleichgesetzt wurden, bleibt doch die Frage, warum im Spanien des 8./9. Jahrhunderts das plötzliche Interesse an der Jakobusverehrung aufkam. Dazu ist ein Blick in die Geschichte erfoderlich: 711 erlag in der Schlacht am Guadalete das westgotische Reich dem Ansturm der Mauren. Nur in den Gebirgsgegenden des nördlichen Asturien und in Galizien konnten sich die Christen behaupten. Das Königreich Asturien entwickelte sich seit der Zeit des Königs Alfons II (791-842) zum Hort der hispanischen Tradition. Allmählich prägte sich bei den Asturiern im Abwehrkampf gegen den Islam ein Sendungsbewußtsein aus, das der Rettung der christlichen Kirche und der Wiedererrichtung der gotischen Monarchie galt. Alfons II baute nach dem Vorstoß der Mauren von 794/95 Oviedo zur Königsstadt aus, die damit in Konkurrenz zum bisherigen geistigen Zentrum Toledo trat. Dies führte naturgemäß zu Spannungen, die sich im theologisch-kirchenpolitischen Adoptianismusstreit zwischen dem Erzbischof von Toledo und dem asturischen Abt Beatus von Liébana (+798) entluden. Asturien hatte sich dabei die Unterstützung durch das Frankenreich gesichert. Karl der Große und Alfons II tauschten Gesandtschaften aus, Beatus korrespondierte mit dem fränkischen Reichstheologen Alkuin. Der Spanienfeldzug Karls mit der später episch ausgestalteten Niederlage seiner Nachhut bei Roncesvalles (798, “Rolandslied”) unterstreicht die Verbindung des Frankenreichs mit dem sich konsolidierenden asturischen Königreich und der beginnenden Reconquista. In diese Zeit fällt die Entdeckung des Grabes des Apostels Jakobus des Älteren im galizischen Compostela. Dies und der aufkommende Jakobuskult verschaffte dem erstarkenden asturischen Reich eine wirksame Identifikationsund Legitimationshilfe. Nicht von ungefähr findet sich die wichtigste Erwähnung der spanischen Missionstätigkeit des Jakobus gerade in einer Schrift des nun schon mehrfach erwähnten Beatus. Asturien hielt drei islamischen Offensiven (791-796, 823-826/828 und 839-841) stand. In diesem Existenzkampf Asturiens gegen das Emirat von Córdoba wurde Jakobus zum Patron der Christen. Schon 844 schrieb man seinem Eingreifen den Sieg in der Schlacht von Clavijo zu ein früher Beleg für Jakobus als Schlachtenhelfer im Kampf der Reconquista (“Matamoros” -Maurentöter).
Fazit
Predigt wie Überführungslegende lassen sich nur bis ins 6. Jahrhundert zurückverfolgen. Im lateinischen Westen ist die Legende seit dem 7. Jahrhundert nachweisbar. Der Jakobuskult entstand in Asturien im ausgehenden 8. Jahrhundert. Dieser Kult verursachte die Grabentdeckung bzw. den Kult um die Grabstätte. Das geistige Klima für die Aufnahme und Weiterentwicklung der Legende ist in der zeitgeschichtlichen Situation Asturiens im 8. Jahrhundert zu suchen. In den Auseinandersetzungen des Adoptianismusstreits lieferte die Jakobustradition die entscheidende Hilfe, den alten Vorrang Toledos für sich zu beanspruchen. Die in Asturien beginnede Reconquista sowie die Reliquienfrömmigkeit des mittelalterlichen Menschen waren weitere für die Kultverbreitung wichtige Faktoren.
Show On Map | Posted in Allgemein, Christentum, Historie, Jakobsweg, Recherche, geomashup | No Comments »