Ruta de la Plata (Artikel v. Spiegel-online)
Februar 25th, 2007 by Felix Hardmood BeckNachfolgender Text ist von Spiegel-online (Link vom 25.02.07) entnommen. Originaltitel: SPANISCHER PILGERPFAD, Silberweg im Dornröschenschlaf

Silberweg bei Banos de Montemayor
Das Ziel: Santiago de Compostela. Nicht nur der Jakobsweg von Frankreich aus, sondern auch der Silberweg mit Startpunkt Sevilla führen zum Grab des Apostels im Nordwesten Spaniens: durch die Weite und Einsamkeit der Extremadura, über Römerbrücken und verträumte weiße Dörfer.
Mérida – Ignace Gielen ist noch etwas müde – der Gesang der Mönche im Kloster Alcuéscar hat ihn früh aus dem Schlaf geholt. Doch dafür kosteten Übernachtung und Frühstück dort nur eine kleine Spende. Vorbei an Bauernhäusern und Schafställen kommt er zum Ortsausgang. Genussvoll schweift sein Blick über die Hügel der Extremadura. Die heutige Etappe auf dem Silberweg, dem alten Pilgerweg von Sevilla nach Santiago de Compostela im Nordwesten Spaniens, führt den Belgier 30 Kilometer weit durch einen dichten Steineichenwald nach Cáceres.
Überall riecht es nach Lavendel. Mohnblumen und weiße Butterblumen vermischen sich mit dem Violett und formen einen Farbteppich. Unter den Steineichen weiden Stiere, Merinoschafe und die grauen Schweine, die mit ihrem Schinken, dem “Jamón ibérico”, die Extremadura über die Grenzen Spaniens hinaus berühmt gemacht haben. In der Ferne bellt ein Hirtenhund, kein Mensch ist zu sehen. Obwohl die Extremadura so groß ist wie die Schweiz, leben hier nur knapp eine Million Menschen. “Die Weite und Einsamkeit in der Extremadura sind wirklich Atem beraubend und machen den Silberweg (Anmerkung: nicht zu verwechseln mit Silberweg in Skandinavien) hier zu etwas ganz Besonderem”, sagt Ignace.
Die Ruta de la Plata, wie der Silberweg auf Spanisch heißt, ist eine 2000 Jahre alte Römerstraße, die sich von Sevilla bis Astorga in Nordspanien schlängelt. Ab Granja de Moreruela gibt es für die Pilger zwei Wege, das Grab des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela zu erreichen: Entweder schließen sie sich in Astorga den von Frankreich her kommenden Pilgern an. Oder sie folgen einer einsameren Route in Richtung Portugal und gelangen über Ourense zum Apostelgrab.
“Die Straße wurde aber nicht für die Pilger gebaut. Für Rom war sie ein Mittel zur Kolonisierung im Kampf gegen die Lusitanier, Vettonen, Iberer und Asturier. Später diente der Weg vor allem als Hauptader für den Handel auf der Iberischen Halbinsel”, erklärt die Archäologin Maria Eugenia Sanchez. Sie betreut die Ausgrabungen eines römischen Feldlagers bei Cáceres, das am Silberweg errichtet wurde.
Die Mauren machten sich die Straße ebenfalls zu Nutze, um das Land schnell unter ihre Herrschaft zu bekommen. Aus dieser Zeit stammt auch der Name Silberstraße. Schließlich waren es die Mauren, die vom Jahr 711 an Spanien besetzten und dem Weg die Bezeichnung “Ruta Bal’latta” gaben. Das bedeutet “breiter gepflasterter Weg”. Auf Grund eines Übersetzungsfehlers entwickelte sich aus diesem arabischen Wort später das sehr ähnlich klingende spanische Wort für Silber – plata.
Erst im Mittelalter wurde der Silberweg auch von den Christen benutzt, die nach Santiago de Compostela pilgerten. Auch viele heutige Wanderer suchen die Nähe zu Gott, vor allem dann, wenn der Namenstag des Apostels (25. Juli) auf einen Sonntag fällt. Dann feiert die Kirche – wie in diesem Sommer – das Jakobsjahr.
Viele Wanderer locken hauptsächlich die sportliche Herausforderung und das Naturerlebnis. “Aber alle, bewusst oder unbewusst, haben auch einen sehr persönlich-spirituellen Grund. Häufig suchen sie nach sich selbst und dem Sinn ihres Lebens. Viele gehen in Rente oder haben ihren Partner verloren. Sie brauchen die Auszeit, um sich auf diese neue Lebenssituation vorzubereiten”, fasst der 41-jährige Ignace Gielen seine Gespräche mit anderen Wanderern zusammen.
Während der Jakobsweg von Frankreich durch Nordspanien bis Santiago de Compostela eher touristisch ist, ruht der Silberweg noch nahezu ungestört im “Dornröschenschlaf”. Von den 55.000 Wanderern, die im Jahr 2000 die Pilgerurkunde erhielten, kamen nur 858 Personen auf dem Silberweg aus dem Süden. Das kann sich Angel Texeiro Brasero von der Silberweg-Vereinigung in Mérida kaum erklären: “Besonders in der Extremadura gleicht der Silberweg auf seinen 300 Kilometern zwischen Monasterio im Süden und Baños de Montemayor im Norden einem einzigen Freiluftmuseum.”
Die Extremadura ist das Land der Ritter und Konquistadoren. Hernán Cortés und Francisco Pizarro brachen von hier auf, um die Azteken in Mexiko und die Inka in Peru zu bezwingen. Immer wieder führt der Silberweg an verträumten weißen Dörfern und Städten vorbei, dessen Burgen und Paläste einst die Entdecker der Neuen Welt beherbergten. In Cáceres reiht sich ein mittelalterlicher Palast an den anderen. Dem steht Plasencia mit seinen Kirchen, Schlössern und dem Dominikanerkloster aus dem 16. Jahrhundert, das heute ein Hotel ist, keineswegs nach. In Trujillo mit seiner Maurenfestung und dem Geburtshaus Pizarros weisen nur parkende Autos vor den Gebäuden darauf hin, dass auch diese Stadt im 21. Jahrhundert angekommen ist.
Zwischen Weiden, Eichenwäldern und Gebirgspässen führt der Silberweg immer wieder über alte Römerbrücken und Kopfsteinpflaster. In Baños de Montemayor können geplagte Wanderer zwischen alten römischen Steinwannen eine der modernsten Thermen Europas kennen lernen. Einige Kilometer südlicher führt der Silberweg bei Cáparra unter einem wuchtigen Triumphbogen hindurch. Zu beiden Seiten legen Archäologen in mühevoller Handarbeit die Grundmauern einer 16 Hektar großen römischen Kleinstadt frei.
Höhepunkt auf der Reise in Spaniens römische Vergangenheit ist sicher Mérida. Ein mächtiges Theater mit 6000 Sitzplätzen, ein langes Aquädukt und der imposante Diana-Tempel sind Zeugen damaliger Größe, als Cäsar die Stadt zum “spanischen Rom” machte. Im Amphitheater konnten 15.000 Menschen die Gladiatoren gegen Löwen kämpfen sehen. In der zum Unesco-Weltkulturerbe gehörenden Provinzhauptstadt steht auch der einzige weltweit noch erhaltene Römer-Zirkus, in dem Pferderennen à la Ben Hur stattfanden. Aus der Römerzeit stammt auch die Brücke über den Río Guadiana, die mit 64 Bogen aus Granit und mehr als 600 Metern eine der längsten antiken Brücken der Welt ist.
Die abgeschiedene Extremadura beginnt langsam aus dieser Vergangenheit Kapital zu schlagen. Im Projekt “Alba Plata” bemühen sich die Kulturbehörden und das Fremdenverkehrsamt vereint um den Bau von Pilgerherbergen und Besucherzentren sowie die Sanierung alter Römer-Bauwerke. “Im April haben wir auch neue Wegweiser und Meilensteine aufgebaut”, sagt Texeiro Brasero – ohne diese Hilfen könnten Pilger gerade in den Naturparks sonst rasch vom Weg abkommen.
Besorgt schaut Ignace zum Himmel: “Ich muss weiter. Es zieht ein Gewitter auf, und bis Cáceres sind es fast noch 25 Kilometer”, sagt der blonde Belgier. Schnell packt er den Käse und den Rotwein in die Tasche und schwingt sich wieder auf sein Fahrrad.
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