Raum der Stille
März 12th, 2007 by Felix Hardmood Beck1994 wurde im nördlichen Torhaus des Brandenburger Tores ein Raum der Stille eröffnet. Er folgte einem berühmten Vorläufer: dem Meditationsraum, den der 1961 verunglückte schwedische UNO – Generalsekretär Dag Hammarskjöld für sich und seine Mitarbeiter im UNO-Gebäude in New York einrichten ließ. Die Initiative zu dem Berliner Projekt geht auf Ostberliner Christen und die Zeit vor dem Mauerfall zurück; Menschen verschiedener Religionen und Kulturen halfen dann, es ins Leben zu bringen. Das mit Symbolen beladene Wahrzeichen der Stadt, das Verkehrsnadelöhr, der Touristenmagnet finden in dem Raum der Stille einen ungeahnten Gegenpol, in den das großstädtische Getöse nur noch gefiltert und gedämpft eindringen kann. Die Zustimmung zu diesem Raum, die man den Besucherbüchern entnehmen kann, ist überwältigend. Jeder gibt ihm einen eigenen Zweck, eine individuelle Bedeutung. Doch scheint es ein unausgesprochenes Einverständnis darüber zu geben, daß Stille eine Voraussetzung von Frieden ist.

Bildquelle: www.berlin-hidden-places.de
Adresse: Nördliches Torhaus des Brandenburger Tores
Verbindung: S 1, S 2, S 25 Unter den Linden; Bus 100, 200, 248
Öffnungszeiten: tgl. 11-18 Uhr im Sommer, 11-17 Uhr im Winter, 11-16 Uhr im Dezember
Nachfolgender Text entstammt der Potsdamer Universitätszeitung von Markus Pabst, Studiengang Kunst.
Seit dem 27. Oktober 1994 befindet sich im Brandenburger Tor ein für alle Menschen, gleich welcher Herkunft, Hautfarbe oder Weltanschauung, offener Raum, der seine Besucher zum gemeinschaftlichen Schweigen und Beten sowie zur inneren Besinnung einlädt. Für die Studierenden des Studienganges Kunst der Universität Potsdam stellte dieser Raum in seiner derzeit sterilen Ausstrahlung eine Herausforderung dar. In Kooperation mit dem Berliner Förderverein „Raum der Stille”, insbesondere der Vorstandsvorsitzenden Dr. Maria Diefenbach und dem Studiengang Kunst der Universität Potsdam unter der Leitung von Prof. Dr. Maike Aissen-Crewett wurde über zwei Semester an diesem Projekt gearbeitet. Die erstellten Konzepte wurden in Modellen und Zeichnungen vom 16. Dezember 2001 bis 22. Januar 2002 im Brandenburger Tor präsentiert und zur Diskussion gestellt. So beschäftigte sich zum Beispiel Isabel Fischer mit dem Entwurf von unterschiedlichen Sitzgelegenheiten in Quaderform in verschiedenen Höhen, die, in kleinen Gruppen angeordnet, dem Besucher die Wahl ermöglichen, in wie weit er sich allein durch die Ausrichtung seiner Blickrichtung in die Gemeinschaft der Schweigenden integriert oder abwendet, um so besser zur Ruhe zu finden. Das Konzept von Joris Göritz sah in der kreisförmigen Anordnung von einheitlichen Sitzgelegenheiten in der Mitte des Raumes eine ideale Lösung, um Gleichheit und Demokratie darzustellen. Er ersetzte die schweren Vorhänge, die drei Wände des Raumes fast ganz bedecken, durch mit hellem Stoff bespannte Rahmen, die, von hinten beleuchtet, eine Illusion von Weite und Leichtigkeit und durch das diffuse Licht eine harmonische Atmosphäre schaffen sollten.
Algis Klemm arbeitete an Fotocollagen, die einen Eindruck vermittelten, wie das Spiel von einfallendem Tageslicht und Schattenwirkung den Raum veränderte. Dieses Licht musste nach den Vorstellungen von Fredrik Gremmel durch blaue Folie vor den Fenstern gefiltert werden, so dass der „Raum der Stille” von der Straßenkulisse abgesetzt und für eine eigene, innere Welt Platz geschaffen wurde, deren Hauptelement eine im Zentrum des Raumes stehende, hohe Lichtsäule, die ein weiches, oranges Licht abgab, war. Um das untere Ende gruppierte sich eine kreisrunde Sitzbank; nach oben hin ging die Säule in eine Kuppel über, an deren Kante Vorhänge angebracht werden sollten, die dazu dienen, den Außenraum erneut abzugrenzen, ein Kleinod zu schaffen, in das der Besucher eintauchen kann. Dort könnte er loslassen, Ruhe finden.
Um die Gemeinschaft zu versinnbildlichen, kam die Idee auf, den Raum mit einem flachen Podest auszubauen. Diesen Vorschlag griffen Isabel Fischer und Joris Göritz in ihren Konzepten auf. Markus Pabst gebrauchte das Podest als Medium, das Schritte und Bewegungen der Gäste an eine beleuchtete Wasserschale weitergab, die dann durch Lichtreflexion und Spiegelung feine Strukturen an die Wand und in den Raum zeichnete.

Bildquelle: www.uni-potsdam.de
Der Aufgabe, den Besuchern den Raum im wahrsten Sinne des Wortes begreiflich zu machen, stellte sich Carmen Winter. Sie schuf eine Stele aus Pappelholz in Anlehnung an die in römischen Eingangshallen oft zu findenden Gebälkträger. Ihre Skulptur bietet den Eintretenden handgerechte Kieselsteine an und gibt ihnen die Möglichkeit, sich auf etwas zu konzentrieren, Sorgen und Ängste zu projizieren und, wenn sie es wünschen, ein kostenloses Andenken an diesen Ort mit nach Hause zu nehmen. Dieses Werk fand bei Besuchern und Betreuern so großen Anklang, dass es nun als fester Bestandteil des „Raumes der Stille” übernommen wurde. Aber auch die anderen Ideen und Konzepte wurden honoriert und werden bei der anstehenden Renovierung in die Überlegung mit einbezogen. Die Studenten bedanken sich für die Offenheit, den Respekt und die Flexibilität, mit der ihnen die meisten Mitglieder des Förderkreises gegenübertraten.
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